Aus einer Rachegeschichte, die an Ariel Dorfmans Bühnenstück „Der Tod und das Mädchen“ erinnert, macht der in seiner Heimat lange Zeit mit einem Berufsverbot belegte Jafar Panahi ein Roadmovie mit stark absurdem Einschlag.
Eghbal (Ebrahim Azizi), seine Ehefrau und seine Tochter suchen Hilfe in einer Werkstatt, weil ihr Wagen bei einer Kollision mit einem Hund beschädigt wurde. Vahid (Vahid Mobasseri), einer der Mechaniker, glaubt seinen Ohren nicht zu trauen, als er das nur zu bekannte Geräusch eines über den Boden quietschenden künstlichen Beins vernimmt. Umgehend werden Erinnerungen an seine Zeit im Gefängnis wach, wo er von einem Mann mit einer solchen Prothese gefoltert wurde, während ihm die Augen verbunden waren. Ohne lange zu überlegen, folgt Vahid seinem mutmaßlichen Peiniger und zerrt ihn am nächsten Tag in einen Lieferwagen. In der Wüste will er den Entführten schließlich lebendig begraben. Doch dessen Beteuerung, er sei der Falsche, lässt den Mechaniker innehalten. Hat er vielleicht wirklich einen Unschuldigen gekidnappt?…
Entfaltet sich Roman Polańskis Leinwandadaption von „Der Tod und das Mädchen“ als hochintensives Kammerspiel, kommt es bei Panahi schnell zu einer unerwarteten Öffnung der filmischen Welt. Vahid und seine Begleiter fahren kreuz und quer durch die Gegend, folgen keinem klaren Plan, sondern bloß intuitiven Eingebungen. Das moralische Dilemma – die Frage, ob die erlittenen Qualen Rache rechtfertigen – kommt dabei zwar immer mal wieder zur Sprache. Das alles ist mit Verve gespielt, mit leichter Hand inszeniert und keine Sekunde langweilig. Ein bisschen beschleicht einen allerdings schon das Gefühl, dass der iranische Filmemacher die ein oder andere falsche Abzweigung nimmt, manchmal zu plakativ wird. Mit dem immer wieder lustigen Vorlauf beißt sich auf jeden Fall die finale, Beklemmung auslösende Konfrontation im roten Bremslicht des Lieferwagens. Plötzlich kippt die Stimmung wieder ins Ernste und Bedrohliche. „Die Schattenjäger“, ein thematisch verwandtes Thriller-Drama, das im März 2025 in den deutschen Kinos leider unter dem Radar lief, ist im Vergleich stringenter und gehaltvoller – vor allem in der Art und Weise, wie der Schrecken des Foltertraumas vermittelt wird.
Quelle: programmkino.de / Christopher Diekhaus
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