Außenseiter-Drama, das (fast) ohne Kitsch und falsche Töne auskommt. Wahrhaftigkeit und feiner britischer Humor beherrschen das exzellent gespielte, sehr bewegende Aufklärungsstück. Nicht nur ein Feel-Good-, sondern ein Feel-Better-Movie!
„Fuck the Queen!“ lautet einer der ersten Sätze. Anno 2019 soll John Davidson mit dem „Order of the British Empire“ ausgezeichnet werden. Weil John am Tourette-Syndrom leidet, rutschen ihm bisweilen ganz unbewusst obszöne Schimpftiraden heraus. Nach der Ordensverleihung springt das Biopic in das Jahr 1983 zurück. „How Does It Feel“ fragen New Order auf dem Soundtrack. Für Teenager John Davidson (Scott Ellis Watson) lautet die Antwort: grauenhaft. Sein Tourette-Syndrom hat sich verschärft. 13 Jahre später lebt John (jetzt: Robert Aramayo) noch immer bei seiner Mutter (Shirley Henderson). Er ist ohne Job und ohne Freunde. Dann meint es das Schicksal unvermittelt gut mit John. Er trifft zufällig seinen einstigen Schulfreund Murray und lernt dessen Mutter Dottie (Maxine Peake) kennen. Die Psychiatriekrankenschwester, die vor Kurzem eine Krebsdiagnose erhalten hat, wird zum rettenden Engel für John... In der Erfolgskomödie „Vincent will Meer“ diente das Tourette-Syndrom als hübsche Comedy-Einlage, ebenso wie in „Ein Tick anders“. In der Doku „Tics – Mit Tourette nach Lappland“ ging es dann schon mehr ans Eingemachte. Mit der Verfilmung der Autobiografie „I Swear“ trifft „Lang lebe Ned Devine“-Regisseur Kirk Jones thematisch ins Schwarze: Wahrhaftigkeit und hoher Unterhaltungswert sorgen für eine Aufklärungskomödie der Spitzenklasse. Die Figuren sind mit psychologischer Präzision entwickelt, exzellent gespielt und verströmen enormes Empathiepotenzial. Dottie und Tommy, einfache und bescheidene Menschen, haben das Herz am rechten Fleck. Toleranz und Nächstenliebe sind für sie eine Selbstverständlichkeit. Bei allem Drama sorgt britischer Humor vom Feinsten für den notwendigen Ausgleich: vom minutenlangen Tic-Battle im Auto mit einer anderen Betroffenen über die Erbsenattacke auf den Rektor bis zum „Fuck the Queen“-Ausruf bei der Ordensverleihung. Ob man darüber lachen darf? Im Abspann gibt der reale John Davidson die Antwort. Im Archivausschnitt erklärt er, dass er selbst bisweilen darüber lachen muss, was er so sagt. Quelle: programmkino.de / Dieter Oßwald