Remo, einst Hoffnung des Rennsports, stürzt ab und flieht als Dolores in eine surreale Nacht. Luis Ortegas Film überzeugt mit intensiver Schauspielkunst, stylisher Retro-Ästhetik und einem spannenden Spiel mit Identität und Realität.

Remo, einst große Hoffnung des Pferderennsports, verliert zunehmend die Kontrolle – egal ob nüchtern oder berauscht. Nach einem Sturz bei einem wichtigen Rennen sind nicht nur seine schwangere Kollegin Abril, sondern auch sein Gangsterboss Sirena enttäuscht. Ein umgebauter Stall als Ausnüchterungszelle hilft wenig: Remo lässt sich erneut zu Doping und Eskapaden hinreißen, führt ein Rennen an, stürzt aber spektakulär und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Ohne Erinnerung schleicht er sich im Pelzmantel seiner Bettnachbarin und mit Turban-artigem Kopfverband davon und taucht als Dolores in einer surrealen Buenos Aires-Nacht unter. „Kill the Jockey“ folgt zwar einem bekannten Thrillerplot – ein Mann reitet sich in den Abgrund –, doch Regisseur Luis Ortega schafft daraus ein überraschendes, teils verstörendes Drama. Hauptdarsteller Nahuel Pérez Biscayart („Persischstunden“) überzeugt mit intensiver Darstellung: Remo, der sich selbst und anderen Schaden zufügt, wirkt wie ein stummer Filmheld, rätselhaft und faszinierend. Als Dolores schlüpft er in eine neue Identität, die das Publikum immer wieder fordert. Ortega inszeniert ein surreales Identitätsdrama voller kreativer Ideen, das Realität und Fantasie verschwimmen lässt. Buenos Aires, durch das Dolores wandert, könnte das Jenseits sein: Kein Spiegelbild, scheinbare Schwerelosigkeit auf der Waage. Eine klare Auflösung gibt es nicht – stattdessen einen stylishen Retro-Look, kreiert von Kameramann Timo Salminen (Aki Kaurismäki). In dieser Welt sind Jockeys wie Rockstars, Showdowns werden zu Choreografien. Vielleicht gelingt Dolores, was Remo nie schaffte: zu sich selbst zu finden. Trotz einiger Brüche wirkt der Film, als hätte Wes Anderson einen teuflischen Drogencocktail genommen und „Rivalen der Rennbahn“ neu erfunden. 

Poster für den Film Kill the Jockey
Regie Luis Ortega Darsteller Úrsula Corberó, Nahuel Pérez Biscayart, Mariana Di Girolamo