Eine Jugendliche erlebt eine religiöse Erweckung, die Familie und Umfeld erschüttert. Alauda Ruiz de Azúas preisgekröntes Drama fragt nach Körper, Kontrolle und Spiritualität.
Die 17-jährige Ainara wirkt auf den ersten Blick wie andere Jugendliche. Sie besucht eine katholische Schule, erlebt Freundschaften, heimliche Trinkabende und das erste Begehren. Doch dann verändert sich etwas. Ainara fühlt sich von einem religiösen Erlebnis ergriffen, das sie selbst nicht vollständig erklären kann. Ihre Umgebung reagiert mit Faszination, Sorge, Skepsis und dem Versuch, Kontrolle zurückzugewinnen. Was ist Glaube, was Krise, was Selbstermächtigung? Während Familie, Schule und Kirche eigene Deutungen anbieten, rückt Ainaras Körper immer stärker in den Mittelpunkt. Der Film erzählt von einer jungen Frau, deren Erfahrung andere herausfordert, weil sie sich nicht einfach einordnen lässt.
„Glaube“ wirkt deshalb so spannend, weil der Film religiöse Erfahrung nicht vorschnell pathologisiert, aber auch nicht unkritisch verklärt. Alauda Ruiz de Azúa interessiert sich für den Zwischenraum: Was geschieht, wenn eine junge Frau etwas erlebt, das alle um sie herum erklären wollen? Die Auszeichnungen in Spanien deuten auf ein Drama hin, das sein Thema mit großer emotionaler Präzision behandelt. Entscheidend ist die Perspektive. Ainara steht in einem Geflecht aus Familie, katholischer Tradition, jugendlichem Begehren und gesellschaftlichen Erwartungen. Ihr Glaube wird zur Provokation, weil er nicht nur spirituell, sondern auch körperlich und sozial verstanden werden muss. Blanca Soroa trägt diese Figur offenbar mit jener Mischung aus Offenheit und Rätsel, die nötig ist, damit der Film nicht zur These schrumpft. Besonders interessant ist, dass „Glaube“ die Frage nach Autonomie in einem religiösen Kontext stellt: Wem gehört die Deutung einer Erfahrung? Der Familie, den Institutionen, der Medizin – oder der Betroffenen selbst? Ein stilles, kraftvolles Drama über Spiritualität, Erwachsenwerden und den Kampf um den eigenen Körper.