2022 gewann Julia Ducournau für „Titane“ die Goldene Palme. Nun hat sie einen neuen Film gedreht, der gar nicht erst versucht, ähnlich zu schockieren, sondern sich stattdessen 
auf zurückhaltend-allegorische Weise mit der AIDS-Epidemie beschäftigt. 

Auf einer Party lässt sich die 13jährige Alpha (Mélissa Boros) ein Tattoo stechen: Wie ein Blitz wirkt das A, das nun ihren Oberarm ziert. Dass ein so junges Mädchen auf Parties
anzufinden ist, könnte für eine gewisse Verwahrlosung sprechen, doch das Gegenteil ist der Fall. Ihre Mutter (Golshifteh Farahani) liebt sie über alles, zieht sie seit Jahren allein auf und hat es bis zur Position einer Ärztin geschafft. Und als Ärztin weiß die Mutter, welche Gefahr das unbedachte Tattoo für ihre Tochter bedeutet: Ob die Nadel sauber war, will sie von Alpha wissen. Denn mittels Blut wird das Virus übertragen, dass auch die Patienten in dem Krankenhaus quält, in dem die Mutter arbeitet: Mehr Palliativstation als Krankenhaus, denn das Virus marmorisiert die Körper der Infizierten, ergreift langsam aber unausweichlich vom ganzen Körper Besitz und verwandelt ihn in eine Statue von unwirklicher Schönheit.
Wirkt „Alpha“ anfangs noch wie eine jener Geschichten, in denen eine Außenseiterin, von ihren Mitschülern ausgeschlossen und gehänselt wird, entwickelt sich Julia Ducournaus Film bald zu etwas anderem, interessanteren. Zunehmend wird die Welt außerhalb der Wohnung der Mutter ausgeblendet, konzentriert sich die Geschichte auf Alpha, die Mutter und Amin. Gegenwärtiges verschwimmt mit Erinnerungen, in manchen Szenen scheint Alphas 13jähriges mit ihrem 5jährigen Ich zu verschmelzen, wie ein Fiebertraum oder den Wahnvorstellungen eines Heroinrausches. In vielerlei Hinsicht mutet „Alpha“ konventioneller an als Ducournaus erste beiden Filme „Raw“ und „Titane“, die auf den ersten Blick radikaler wirkten, bisweilen ihre Lust an der Provokation ausstellten. „Alpha“ dagegen wirkt reifer, bewusster, verliert sich nicht mehr in betont transgressiven Momenten, sondern beschreibt auf emotionale und besonders in der zweiten Hälfte mitreißende Weise, wie drei Menschen herauszufinden wollen, wann und ob es sich zu Leben lohnt. Ein überraschendes, hartes, berührendes Drama über die Folgen einer Epidemie auf eine Familie.
Quelle: programmkino.de / Michael Meyns
 

Poster für den Film Alpha
Regie Julia Ducournau Darsteller Tahar Rahim, Golshifteh Farahani, Mélissa Boros