Ein sensibles, nahes Porträt von Siri Hustvedt: Sabine Lidl zeigt die Autorin offen, klug und vielschichtig und vermeidet typische Bio-Pic-Klischees. So entsteht ein starkes Bild einer beeindruckenden Künstlerin.
„In der Bibliothek bekam ich Flügel!“, lautet einer der ersten Sätze von Siri Hustvedt beim persönlichen Rückblick auf ihre Leidenschaft für Literatur. Sie wird noch reichlich solche Einblicke in ihr Leben liefern, stets mit gut geschliffenen Formulierungen, wie es sich für eine Schriftstellerin ihres Kalibers schließlich gehört. Ihr späterer Ehemann Paul Auster lässt sich gleichfalls nicht lumpen, wenn es um die Wortwahl geht. Auf einem Notizzettel kritzelte er einst nach der ersten Begegnung eine kleine, feine Liebeserklärung. Daraus entsteht eine jahrzehntelange Künstler-Ehe, die 2024 mit dem Tod von Auster, ihrem „Lebensmenschen“, endet. Dessen Krebskrankheit macht das Paar bewusst öffentlich. Der Umgang mit Trauer und Verzweiflung soll Trost für andere in ähnlichen Situationen bieten.
Beim Einsatz von Talking Heads, einem notorischen Bremser bei Bio-Pics, hält sich diese Doku angenehm zurück. Statt Erinnerungen und Lobpreisungen von Mitschülern oder Weggefährten stehen hier längere Interviews mit Paul Auster im Mittelpunkt. Dessen kurzweilige Einordnungen und Einschätzungen haben Unterhaltungs- und Informationswert gleichermaßen. Schlauen Leuten, die etwas zu sagen haben, hört man einfach gerne zu. Das gilt auch für Wim Wenders, mit dem sich die Autorin an der Bar über Hexenverfolgung unterhält. Ort der Handlung ist das Steilneset Memorial im norwegischen Vardø. In dem kleinen Ort am Polarkreis wurde ein imposantes Denkmal zum Gedenken an 91 Opfer errichtet, die im Jahr 1691 der Hexerei bezichtigt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. „Weil sie getrunken und mit dem Teufel getanzt hat“, liest Siri Hustvedt auf einer der Urteilsbegründungen, die an den Wänden der 100 Meter langen Gedenkhalle ausgestellt sind. Dieser ergreifende Schauplatz allein macht den Kinobesuch zum lohnenden Ereignis. Nach dem Film ist vor der Neu- oder Wiederentdeckung der Werke einer beeindruckenden Schriftstellerin, die nicht umsonst zu den wichtigsten Vertreterinnen ihrer Generation gezählt wird. Quelle: programmkino.de / Dieter Oßwald