Eine junge Frau kehrt nach einem Todesfall nach Tunesien zurück und trifft auf eine konservative Welt. Eindringlich erzählter Film vom Ringen zwischen Heimat, Moderne und dem schwierigen Platz einer lesbischen Frau in traditionellen Strukturen.
Schon seit Jahren lebt Lilia (Eya Bouteraa) in Paris, doch nun kehrt sie zurück in ihre Heimatstadt Sousse, eine Hafenstadt in Tunesien. Anlass ist die Beerdigung ihres Onkels Daly (Karim Rmadi), der vor kurzem aus ungeklärten Gründen verstarb. In der engen Wohnung wird Lilia von ihrer Mutter Wahida (Hiam Abbass) und vielen anderen Verwandten empfangen, die verlorene Tochter, die in der Fremde lebt und immer noch keinen Mann hat. Angeblich war der Onkel bei einem Unfall verstorben, doch das er nackt gefunden wurde, ruft die Polizei auf den Plan, die sehr vorsichtig beginnt, Nachforschungen anzustellen. Schnell kommt heraus, dass der Onkel schwul war. Auch aus eigenem Interesse beginnt Lilia nun nachzuforschen, versucht den Mann zu finden, der ihren Onkel als letzter gesehen hat, denn auch sie hütet ein Geheimnis: In Paris lebt sie mit einer Frau zusammen, doch ob sie sich damit ihrer Mutter anvertrauen kann?
Auch wenn „Mit leiser Stimme“ mit Krimielementen arbeitet, spielt die Frage, wie genau Daly verstarb bald keine Rolle mehr. Die Ermittlungen, die Lilia anstellt, führen sie jedoch immer tiefer in die homosexuelle Subkultur von Sousse, öffnen ihr Einblicke in das Leben ihres Onkels, vor allem in die Art und Weise, wie ihre weiblichen Verwandten dessen Geheimnis kannten und so weit es geht verdrängten. Auch wenn die Grundkonstellation wie die ideale Ausgangskonstruktion für ein Melodram wirkt, verzichtet Leyla Bouzid in ihrem dritten Spielfilm meist auf plakative Emotionen und bevorzugt stattdessen leise Töne. Dazu passt ihre bemerkenswerte Hauptdarstellerin Eya Bouteraa, die hier in ihrem ersten Film zu sehen ist. Allein durch ihre Mimik gelingt es ihr den zentralen Konflikt anzudeuten, den Wunsch, ein freies Leben zu leben, andererseits aber auch den Traditionen, der Familie gerecht zu werden, ein Zwiespalt, der auch am Ende dieses sehenswerten Films nicht ganz aufgelöst sein wird. Quelle: programmkino.de / Michael Meyns