Sandra Hüller wird zu Ingeborg Bachmann: Ein hybrides, funkelndes Biopic, das Archivmaterial, Briefe und Spielszenen zu einem sinnlichen Mosaik verwebt. Weit entfernt von trockenem Pflichtkino lädt es ein, die sprachgewaltige Autorin neu zu entdecken.
Wie nähert man sich filmisch einer außergewöhnlichen Künstlerin? Am besten mit einer nicht minder außergewöhnlichen Schauspielerin. Sandra Hüller schlüpft in die Rolle der Ingeborg Bachmann, einen Tag lang verbringt sie dazu in einer Wohnung in Rom, in der die Schriftstellerin einst gelebt haben könnte. Gleich zum Auftakt legt Regisseurin Regina Schilling die Karten auf den Tisch. Sie erzählt, wie es zur Zusammenarbeit mit dem Schauspiel-Star kam. Sie zeigt, wie die Hüller in der Maske zur Bachmann wird. Später wird die Regisseurin einen Monolog kritisieren, der von der lächelnden Schauspielerin erneut in anderer, jetzt selbstbewussterer Tonalität gesprochen wird. Eine Wiederholung, die den Schlüsselsatz „Ich existiere nur, wenn ich schreibe!“ mit unaufdringlicher Raffinesse verstärkt. Work in progress, und das Publikum ist mittendrin. Ein Handy auf dem römischen Balkon gerät gleichfalls noch zum verspielten Verfremdungsmittel.
„Das harte Klatschen einer harten Hand ins Gesicht. Die erste Erkenntnis des Schmerzes“, werden bittere Jugenderfahrungen aus dem Roman „Malina“ zitiert. Das literarische Mosaik entsteht aus Originaltönen der Autorin, aus Audio- und TV-Aufnahmen aus dem Archiv. Die genreüblich üppige Verwendung von Zeitzeugen als Talking-Heads wird hier zum Glück sparsam dosiert. Für ihre kluge Showmaster-Doku „Kulenkampffs Schuhe“ bekam Regisseurin Regina Schilling beste Kritiken sowie den Grimme- und den Deutschen Fernsehpreis. Ähnliche Würdigungen dürfte es für dieses essayistische Porträt über die Ausnahme-Schriftstellerin geben. Kein betulicher Wikipedia-Eintrag. Kein angestrengtes Streber-Kino oder eine bleischwere Pflichtübung für Deutsch-Leistungskurse. Stattdessen eine poetische Spurensuche, ein kreatives Wimmelbild über eine sprachgewaltige Künstlerin. Und la Hüller? Famos wie in „Rose“ und „Der Astronaut – Project Hail Mary“ – mindestens! Ein rigoroseres Geburtstagsgeschenk hätte Ingeborg Bachmann sich wohl kaum wünschen können.
Quelle: programmkino.de / Dieter Oßwald