Sehnsuchtsort, Künstlerinsel, Rückzugsraum: Annekatrin Hendels Dokumentarfilm reist durch ein Jahrhundert Hiddensee und erzählt von Freiheit, Mythos und Wandel.
Hiddensee ist ein schmaler Streifen Land in der Ostsee und doch ein Ort, auf den sich seit Jahrzehnten Sehnsüchte richten. Künstlerinnen und Künstler, Sommergäste, Nacktbader, Punks, Aussteiger und Prominente haben die Insel geprägt. Der Dokumentarfilm blickt zurück auf ihre kulturelle und politische Geschichte und fragt, wie sich der Mythos Hiddensee durch Weimarer Republik, DDR, Nachwendezeit und Gegenwart verändert hat. Archivmaterial, Erinnerungen und Beobachtungen verbinden sich zu einem Porträt einer Landschaft, die immer auch Projektionsfläche war. Die Insel erscheint als realer Ort, aber zugleich als Versprechen von Freiheit, Rückzug und Anderssein.
Annekatrin Hendel nähert sich Hiddensee nicht als Postkartenidyll, sondern als kulturellem Gedächtnisraum. Der Film fragt, was einen Ort zum Sehnsuchtsort macht und wie lange ein Mythos trägt, wenn Tourismus, politische Umbrüche und private Erinnerungen ihn immer neu überschreiben. Besonders spannend ist die Verbindung von Inselgeschichte und deutscher Zeitgeschichte. Hiddensee erscheint als Freiraum, aber auch als Ort sozialer Regeln, als Naturraum und als Bühne für Lebensentwürfe. Hendels Blick bleibt liebevoll, aber nicht nostalgisch verklärt. Die historischen Spuren werden nicht museal abgelegt, sondern in Beziehung zur Gegenwart gesetzt. So entsteht ein Film über Projektionen: Jede Generation hat ihr eigenes Hiddensee gesucht, und jede hat der Insel etwas hinterlassen. Der Dokumentarfilm braucht keine klassischen Hauptfiguren; die Insel selbst wird zur Protagonistin, ihre Landschaft zum Archiv. Das Ergebnis ist ein atmosphärisches Porträt über Freiheit, Erinnerung und die Frage, ob ein Ort seinen Zauber behalten kann, wenn alle ihn suchen und benennen wollen. Gerade die Verbindung aus Archiv und Gegenwart gibt dem Film seine stille, nachhallende Kraft.