Bewegender Dokumentarfilm über die Entstehung von Astrid Lindgrens Tagebüchern aus den Jahren 1913 bis 1945, in denen sie auch die Entstehungsgeschichte von „Pippi Langstrumpf“ zu Papier gebracht.

 

1939 dachte Astrid Lindgren nicht im Traum daran, einmal eine Schriftstellerin und weltberühmt zu werden. Zu dieser Zeit hatte sie ganz andere Sorgen: Sie war 32 Jahre alt, hatte zwei Kinder zur Welt gebracht – einen unehelichen Sohn, den sie mit 18 Jahren bekam und der zunächst bei einer Pflegemutter in Dänemark aufwuchs, und ihre Tochter Karin, die 1934 geboren wurde. Da war sie schon 3 Jahre mit Sture Lindgren verheiratet. Ihr Ehemann hat schon 1939 Alkoholprobleme, die sich noch verschlimmern, als er sich in eine andere Frau verliebt und Astrid verlassen will, doch diese private Krise führt vor allem dazu, dass sie weniger schreibt. Im Mittelpunkt ihrer Aufzeichnungen steht der 2. Weltkrieg, der für die Autorin ein Schrecken ungeahnten Ausmaßes ist... 

 

Wilfried Hauke hat nicht die naheliegende Lösung gewählt und sich darauf beschränkt, Astrid Lindgrens Kriegstagebücher mit historischen Aufnahmen zu bebildern. Stattdessen hat er einen Hybrid aus Dokumentarfilm, Biopic und „Making of Tagebuch“ geschaffen, der deutlich über ihre Tagebücher hinausgeht. Dieser Drahtseilakt gelingt überraschend gut, besonders, was das Nebeneinanderstellen von Spielszenen, bei denen Schauspieler in die Rollen von Astrid Lindgren, ihrem Mann und ihren Kindern schlüpfen, und Dokumentarszenen anbelangt, denn Astrid Lindgrens Tochter Karin Nyman, ihre Enkelin Annika Lindgren und ihr Urenkel Johan Palmberg kommen persönlich zu Wort. Der Film vermittelt viel von dem Lebensgefühl, das in Schweden bei Ausbruch des 2. Weltkriegs herrschte, und er zeichnet auch die Veränderungen nach, die es in den nächsten Jahren erfuhr. Die Parallelen zu unserer heutigen Gegenwart sind verblüffend: Die Mischung aus Ohnmacht & Egoismus, die heute angesichts des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine und vieler anderer schwelender Konflikte in der Welt zu spüren ist, gab es schon damals. Es scheint, als ob die Menschheit nicht nur den Verstand verloren hat – sie hat auch in der Gummizelle nichts dazugelernt. 

Poster für den Film Astrid Lindgren - Die Menschheit hat den Verstand verloren
Regie Wilfried Hauke Darsteller Sofia Pekkari, Tom Sommerlatte, Edda Braune