10. TODD-AO 70mm-FESTIVAL in der Schauburg
Das Erlebnis im 70mm Format und 6 Kanal Stereo Ton"

von Freitag, 3. Oktober bis Sonntag, 5. Oktober 2014


Wenn sich am
3. Oktober gegen 10:30 Uhr der rote Samtvorhang im K
arlsruher Traditionskino „Schauburg“ öffnet, um Peter O’Toole in dem Musical „Goodbye, Mr. Chips!“ im superbreiten 70mm-Filmformat zu präsentieren, dann gibt es allen Grund zu feiern. Denn das 2005 von der Schauburg ins Leben gerufene „Todd-AO 70mm Filmfestival“ feiert in diesem Jahr seinen 10. Geburtstag! „Gerade im Zeitalter digitaler Technik in allen Lebensbereichen gilt es, das faszinierendste aller Filmformate wieder in den Fokus zu rücken und zu zeigen, mit welcher Qualität dieses analoge Medium nach wie vor begeistern kann“, schwärmt der Schauburg-Chef Herbert Born. Dass er mit seiner Meinung nicht alleine steht, beweist der immense Zuschauerstrom, den sein Festival in den vergangenen zehn Jahren erleben durfte. Nicht nur Gäste aus Deutschland verzeichnet das Breitfilmwochenende. Auch für Filmfans aus der Schweiz, Österreich, Holland, Dänemark, Tschechien, England, Irland und sogar den USA ist das erste Oktober-Wochenende traditionell zu einer festen Institution geworden.

Da so gut wie keine neuen Filme mehr im aufwändigen 70mm-Format in die Kinos gebracht werden, ist das Todd-AO-Festival auf Kopien angewiesen, die im letzten Jahrtausend (sprich: 1960er-, 70er-, 80er- und 90er-Jahre) im 70mm-Format in den Verleih kamen. Die Beschaffung entsprechender Kopien ist dabei oft so spannend wie ein Krimi. Denn wenn ein bestimmter Film nicht im Archiv der Schauburg schlummert, ist man auf die Mithilfe privater Sammler angewiesen oder muss die Kopien gar aus Übersee einfliegen lassen, was mit horrenden Transportkosten zu Buche schlägt. Allerdings gibt es einen Funken Hoffnung was neue Filme angeht. So plant Quentin Tarantino seinen neuesten Film „The Hateful Eight“ im nächsten Jahr mit einer massiven Anzahl von 70mm-Kopien in die Kinos zu bringen. Paul Thomas Anderson tat dies bereits vor zwei Jahren mit seinem Film „The Master“, der 2012 seine Deutschlandpremiere sehr erfolgreich während des 70mm-Festivals in der Schauburg feierte.

Das von Michael Todd in Zusammenarbeit mit der American Optical Company (daher: Todd-AO) 1955 entwickelte Breitbildverfahren hat seit jeher eine große Tradition in der Karlsruher Schauburg. Bereits der im Jahre 2008 verstorbene Georg Fricker, der die Geschicke des Kinos in der Marienstraße über viele Jahrzehnte lenkte, war von der 70mm-Technik begeistert. So wundert es nicht, dass die von ihm ins Leben gerufene „Georg Fricker Stiftung“ einer der Hauptsponsoren des Festivals ist. „Filme zeigen kann jeder, aber wir machen Kino!“ lautet ein Leitspruch von Herbert Born, der die Schauburg seit zehn Jahren sehr erfolgreich leitet. Und so werden alle Filme während des Festivals mit viel Liebe zum Detail vorgeführt. Minutiös genau wird festgelegt, wann der Kinogong ertönt, der Vorhang sich zu öffnen beginnt, das Saallicht abgedimmt wird. Es gibt Ouvertüren, Pausen, Intermezzi und Auslassmusiken - genau so wie es seinerzeit von den Filmemachern konzipiert wurde. Vor jeder Vorführung gibt es eine kurze Einführung zum jeweiligen Film, für die einmal mehr Wolfram Hannemann, Filmkritiker bei den „Stuttgarter Nachrichten“ und überzeugter 70mm-Enthusiast, gewonnen werden konnte.

Abgerundet wird das Filmangebot, für das sowohl Einzel- als auch Tages- oder Wochenendpässe erworben werden können, durch einen Vortrag zum Thema 70mm sowie ein Kurzfilmprogramm. Auch für das leibliche Wohl wird bestens gesorgt. Das Catering-Team der Schauburg wartet mit leckeren Mahlzeiten, Kaffee und Kuchen sowie am Samstag und Sonntag einem reichhaltigen Frühstücksbüffet auf. Nicht zu vergessen das traditionelle „Get Together“ im Anschluss an die Vorführung von „Alamo“ am Freitagabend, bei dem die Festivalgäste mit Bierspezialitäten der Privatbrauerei Hoepfner verwöhnt werden.
Übrigens: wer bereits am Donnerstagabend (02.10.) zum Festival anreist, hat Gelegenheit, der europäischen Erstaufführung des ersten Todd-AO-Films in neuer digitaler Fassung beizuwohnen. „Oklahoma!“ heisst der von Fred Zinneman inszenierte Film, ein Musical, das unlängst komplett restauriert und digitalisiert wurde und auf der gekrümmten Cinerama-Bildwand der Schauburg in 4K Ultra High Definition und mit 30 Bildern pro Sekunde sowie 7.1 Surround Sound in englischer Originalfassung präsentiert wird.


Alle weiteren Infos sowie das gesamte Programm telefonisch unter 0721-35 000 18 und im Internet unter
www.schauburg.de sowie www.in70mm.com

 


                


NEU in der Schauburg
"YALOMS ANLEITUNG ZUM GLÜCKLICHSEIN"



Sabine Gisiger strukturiert ihr Portrait des berühmten Psychotherapeuten Irvin D. Yalom weitgehend chronologisch über dessen Biographie. Sein Werdegang spiegelt den klassischen amerikanischen Traum: 1931 als Sohn russisch-jüdischer Migranten in den USA geboren, verlässt er die in sich geschlossen lebende Gemeinschaft, um als Teil der aufstrebenden neuen Welt Medizin zu studieren. Früh lernt er seine spätere Frau Marilyn kennen, die beiden bekommen vier Kinder. Unabhängig voneinander verfolgt das Paar seine akademischen Laufbahnen. Marilyn promoviert in vergleichenden Literaturwissenschaften während Irvin Karriere in der Psychiatrie macht - eine Beziehung auf Augenhöhe. Zur wegweisenden Erfahrung für Yaloms Arbeit wird die eigene dreijährige Teilnahme an psychoanalytischen Sitzungen, die er für sich als effektlos bezeichnet. Sein Fazit: Reines Zuhören und eine anschließende Deutung durch den Therapeuten erzielen keine Erfolge, entscheidend ist zusätzlich eine tiefere menschliche Zuwendung. Er beginnt mit der Einbeziehung philosophischer Aspekte und kommt zu der Erkenntnis, dass existentielle Themen und damit verbundene Probleme für alle Menschen universell gelten - jede/r ist ihnen ausgesetzt – auch der Therapierende. In Folge dessen wird die Unterscheidung zwischen gesund und krank hinfällig. Yalom proklamiert innerhalb therapeutischer Gespräche einen Dialog auf Augenhöhe und empfiehlt allgemein und fortlaufend eine therapeutisch betreute Selbsterkundung für ein zufriedeneres Leben.

Wohl temperierte, entspannt jazzige Klänge und ein eingängiger Ambient-Soundteppich untermalen altes Filmmaterial aus Yaloms Privatbesitz, das „Yaloms Anleitung zum Glücklichsein“ visuell neben aktuellen Aufnahmen prägt. Manchmal verliert sich der Film kurzzeitig in seiner Bemühung um meditative Atmosphäre und metaphernhafte Motive, die Yaloms Erläuterungen zur Psyche illustrieren. Irritierend ist der Filmtitel „Yaloms Anleitung zum Glücklichsein“. Die plakative Formulierung passt nicht zu dem, was der Film vermittelt. Hier geht es nicht um aufbereitete Hilfestellung für Glücksucher sondern Einblicke in Leben und Wirken des Protagonisten. Der internationale Titel „Yalom's Cure“, bei dem „Cure“ sowohl für die Heilmethode als auch die eigene Heilung stehen kann, trifft mit seiner Doppeldeutigkeit dagegen pointiert sowohl Yaloms therapeutischen Ansatz als auch Gisigers Annäherung über den Menschen Irvin D. Yalom, der wortgewandt, ruhig und gelassen seine eigene Biographie ganz im Zeichen der Selbsterkenntnis zur Analyse heranzieht.

"YALOMS ANLEITUNG ZUM GLÜCKLICHSEIN" 
Land/Jahr: Schweiz 2014
Regie: Sabine Gisiger
Darsteller: Irvin D. Yalom
77 Minuten
ohne Altersbeschränkung.



NEU in der Schauburg
"BORGMAN"



Bereits der Auftakt verheißt wenig Gutes: Ein aufgebrachtes Trio wütender Männer stürmt mit kläffendem Hund und martialischer Ausrüstung auf ein Erdloch im Wald. Mit spitzen Stangen stochern sie brutal in die unterirdische Behausung. In letzter Minute kann der bärtige Bewohner fliehen. Auf der Flucht warnt er noch die Insassen anderer Höhlen und macht sich auf einer Tankstellen-Toilette etwas frisch. Selbstbewusst klingelt er anschließend im noblen Eigenheim des TV-Produzenten Richard und bittet um Einlass. Der Medienmensch reagiert erst verdutzt, dann zunehmend barsch. Die Situation eskaliert und schließlich fliegen die Fäuste. Kaum ist der Gatte am Abend aus dem Haus, gewährt Ehefrau Marina dem verprügelten Landstreicher aus Mitleid ein warmes Bad und lässt ihn heimlich im Gartenhaus übernachten. Dass der Fremde fortan nachts die drei Kinder in deren Zimmer aufsucht und zwei abgemagerte Hunde durch das Haus schleichen, entgeht der Mama, die stattdessen von Albträumen aufgeschreckt wird, in denen der sonst so nette Ehemann sie brutal verprügelt und missbraucht. Nach dem erfolgreichen Entern der vornehmen Villa folgt Phase zwei der Invasion des Bösen: Der Fremde will mit Hilfe seiner Komplizen die Stelle des Gärtners ergattern. Dazu muss Borgman sich nicht nur rasieren und adrett herausputzen, auch der bisherige Stelleninhaber samt seiner Gattin sind dem Vorhaben im Weg...

„Ich wollte zeigen, dass das Böse etwas Alltägliches ist, verkörpert in normalen, gewöhnlichen, höflichen Männern und Frauen, die ihren Aufgaben mit Stolz und Vergnügen nachgehen und mit einer skrupellosen Gründlichkeit“, beschreibt Regisseur Alex van Warmerdam seine Absichten und betont ausdrücklich, dass sich sein Werk „mehr Fragen stellt, als er Antworten gibt“. Genau darin liegt der Reiz in dieser perfide grotesken Geisterbahn, bei der die Zuschauer chronisch im Dunkeln tappen und umso mehr erschreckbar sind. Ist Borgman der Teufel höchstpersönlich? Warum passiert die mysteriöse Versuchung der Marina? Was geschieht mit den Kindern? Warum zerfällt die Fassade dieser gutbürgerlichen Familie so schnell? Und: Weshalb sind die Bösen viel sympathischer als die Guten? Nicht nur visuell und schauspielerisch bietet dieses hinterlistige Spektakel mehr als in diesem Genre üblich. Auch die atmosphärische Dichte sowie der gut dosierte schwarze Humor sorgen für Gänsehaut-Faktor der Extraklasse.

"BORGMAN" 
Land/Jahr: Deutschland 2014
Regie: Christian Petzold
Darsteller: Nina Hoss, Nina Kunzendorf, Ronald Zehrfeld
98 Minuten
ab 12 Jahren