|
BODENLOSES KINO in der Schauburg
"MIT DEM WIND NACH WESTEN"
am Sonntag, 26. Mai 2013 um 15 Uhr
Filme zum Abheben und
Abtauchen zeigt die Karlsruher Schauburg im Rahmen der Großen Landesausstellung
„bodenlos – durch die luft und unter wasser“. Die Fortbewegung in Luft und
Wasser haben auch viele Filmemacher immer wieder inspiriert und so präsentiert die
Schauburg in Kooperation mit dem Naturkundemuseum
Karlsruhe im Begleitprogramm der Ausstellung eine Filmreihe zum Thema. Von Mai
bis September gibt es an jeweils zwei Sonntagen im Monat Spielfilmklassiker und
einzigartige Naturfilme zu sehen. Am Sonntag, 26.05.2013 um 15 Uhr sehen Sie
„Mit dem Wind nach Westen“, einen Film über eine spektakuläre Flucht aus DDR
mit einem Ballon.
Die Familien Strelzyk und Wetzel sind 1979 mit den Lebensbedingungen in der DDR
unzufrieden. Peter Strelzyk, 36, Elektromonteur, verheiratet, 2 Kinder, und
Günter Wetze, 24, Maurer, verheiratet, 2 Kinder, wollen fliehen: Sie beschaffen
sich 1200 m Stoff für einen Heißluftballon, unternehmen Probeflüge. Die
Nachbarn dürfen nichts merken, die Frauen wollen kurzfristig im Land bleiben.
Nach erstem gescheiterten Versuch gelingt im September 1979 die waghalsige
Republikflucht über Todesstreifen und Sperrzäune, die nördlich von Hof in
Bayern endet.
Die Produktion machte 1982 Schlagzeilen, als der Film als Beitrag für die
Berliner Filmfestspiele abgelehnt wurde. Verleger Axel Springer übernahm die
Schirmherrschaft für die Uraufführung. Der spannende Abenteuerfilm wurde mit
den Familien entworfen und ist "als sachlicher, authentischer
Tatsachenbericht, der die klare, sachliche Sprache der Realität spricht"
(Autor John McGreevey), angelegt. John Hurt ("Der Elefantenmensch")
spielt den Ballonkonstrukteur Strelzyk, für den der Brenner die schwierigste
Aufgabe ist.
Als Kooperationsangebot erhalten Museumsbesucher und Kinogänger jeweils ermäßigten
Eintritt in die Ausstellung gegen Vorlage einer Kinoeintrittskarte zu einem
dieser Filme bzw. ermäßigten Eintritt in einen dieser Filme gegen Vorlage einer
Ausstellungseintrittskarte.
"MIT DEM WIND NACH WESTEN"
Land/Jahr: USA 1982
Regie: Delbert Mann
Darsteller: John Hurt, Jane Alexander, Doug McKeon
Laufzeit: 103 Minuten
FSK: 6
NEU in der Schauburg
"5 JAHRE LEBEN"
Es ist vor allem die Widersprüch-lichkeit und
Absurdität des Systems Guantanamo, das Schaller in seinem Film aufzeigen will,
weniger eine konkrete Biografie von Murat Kurnaz, die er bewusst nur anreißt und
in einigen Rückblenden thematisiert. Den meisten ist jener Fall vor allem aus
medialen Schlagzeilen wie „Der Bremer Taliban“ oder Ähnliches bekannt, Kurnaz
Unschuld wurde international von mehreren Seiten schließlich anerkannt, doch
Schallers Film zeigt vor allem, dass Schuld in einem System derart
professioneller Folter ein völlig willkürlicher und irrelevanter Begriff wird.
Was ist ein Geständnis wert, das über extreme Verletzungen körperlicher und
psychischer Grenzen erpresst wurde? Dient es womöglich am Ende nur noch dafür,
die eigene Verhaftung und somit die Institution zu legitimieren?
„5 Jahre Leben“ setzt in der Subjektive des Deportierten und Gefolterten ein,
unter dem Stoffbeutel, der ihm die Sicht abschnürt, zurückgeworfen auf sich
selbst, allein gelassen mit seinen unteilbaren Eindrücken, deren Zeuge der
Zuschauer nach und nach wird. Kurnaz befindet sich im Camp X-Ray, kniet in
einem signalfarbenen orangenen Anzug auf einem Kiesboden im Käfig, gefesselt,
erniedrigt und für alle sichtbar. Die perfekte Organisation der Anlage, die
sich nach und nach offenbart, bietet ein erschreckendes Bild. Es ist vor allem
die psychologisch ausgefeilte Technik einen Menschen vollständig zu brechen und
ihn durch perfide Methoden sinnloser Gewalt die Hilflosigkeit bis zur
Selbstaufgabe lernen zu lassen, die betroffen macht, da sie die Rationalität
der Bush-Regierung aufzeigt. Es sind keine martialischen Wilden, die Folter
anordnen, es sind Männer in Anzügen. Und so spielt sich der Großteil von
Schallers Film in der Situation zwischen Kurnaz und dem US-amerikanischen
Verhörspezialisten Gail Holford (Ben Miles aus „V-Wie Vendetta“) ab.
Dieser gibt sich zunächst als Unterstützer aus, gewährt dem Gefangenen
Vorteile, bestraft vor dessen Augen misshandelnde Soldaten und gibt ihm so ein
Stück Handlungsmacht zurück. Immer grausamer wird die Nähe, die er Kurnaz
oktroyiert – er erzählt ihm von seiner Familie, spielt mit seinen
Wunschvorstellungen nach einer Normalisierung der Realität, um sie dann noch
weiter zu brechen, denn trotz allen Versuchen Kurnaz ein Geständnis zu
entlocken, bleibt der Inhaftierte bei seiner Unschuld. Schließlich wird die
Besessenheit des adrett gekleideten Anzugträgers mit seinem Opfer offenbar;
obgleich Vorgesetzte den Erfolg der Verhöre anzuzweifeln beginnen, will Holford
Kurnaz weiter für sich, taucht tief in sein Leben ein, will jede andere
Relation zu einem Außen vernichten.
Es ist wirklich beeindruckend, mit welchem hohen inszenatorischen Niveau
Schallers Abschlussfilm gelungen ist, der sich durchaus auch international
behaupten kann. Der Fokus auf die psychologischen Momente im Inneren
Guantanamos sind seine Stärke, die auf nachhaltige Weise erfahrbar werden
lassen, was Folter bedeutet. Damit ist Schaller ein politisch hoch relevanter
Film gelungen, der ebenfalls die verweigerte Verantwortung seitens der
Bundesrepublik beklagt wie er die Menschenrechtsverletzungen anklagt.
Guantanamo ist noch nicht geschlossen.
"5 JAHRE LEBEN"
Land/Jahr: Deutschland 2012
Regie: Stefan Schaller
Darsteller: Sascha Gersak, Ben Miles, Trystan Pütter
Laufzeit: 96 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
NEU in der Schauburg
"MUTTER & SOHN"
Blondierte Frisur, knallroter Nagellack,
makellose Schminke. Der Rücken durchgestreckt, die Hände immer am Steuer. Die
Handtasche und das Telefon eine Waffe und der Pelzmantel eine Rüstung. Die 60
jährige Cornelia ist vor allem eines: souverän. Als ihre Schwester ihr die
Nachricht überbringt, dass ihr 34-jähriger Sohn Barbu in einen Unfall
verwickelt ist und ein Kind überfahren hat, verschwendet sie keine Sekunde an
Sentimentalitäten. Mit der Zielstrebigkeit und Fokussierung eines Generals
stürzt sie sich sofort in die Logistik eines breit angelegten
Verteidigungsmanövers. Tatsachen müssen vertuscht, Polizisten bestochen,
wohlgesonnene Bekannte im Polizeiapparat alarmiert und die Angehörigen des
Opfers befriedet werden. Die Selbstverständlichkeit, mit der alle das Spiel
mitspielen, sich kaufen und erpressen lassen und ihrerseits versuchen, das
Beste rauszuschlagen, lässt ahnen, dass Cornelia kein Einzelfall ist, kein
singulärer Mutterdrache, sondern Symptom einer zutiefst korrupten Gesellschaft.
Unter der Oberfläche des routiniert abgewickelten Justizdramas findet jedoch
noch ein weitaus härterer und persönlicherer Kampf statt, der zwischen der
dominanten Mutter und ihrem verwöhnten, hypochondrischen Sohn ausgetragen wird.
Barbu möchte sich der obsessiven Liebe Cornelias entziehen. Schon seit einiger
Zeit kommt er nicht mehr zuhause vorbei und ruft nie an. Der Unfall gibt
Cornelia nun die Gelegenheit, sich noch einmal aus vollem Herzen einzumischen.
Sie holt Barbu „nach Hause“, schnüffelt in seiner Wohnung herum und schmiedet
taktische Allianzen mit seiner Freundin. Ihren Eroberungsfeldzug um ihren Sohn
führt sie mit der gleichen Vehemenz und dem gleichen taktischen Kalkül wie den Kampf
mit den Behörden, eine Vehemenz, mit der sie Barbu tragischer weise immer
weiter von sich fort treibt.
Regisseur Calin Peter Netzer zeigt in seinem furiosen Mutter-Sohn-Drama eine
eisige Welt, in der die Luxuswohnungen der rumänischen Oberschicht wenig mehr
Wärme ausstrahlen als die graue Polizeistation, in der Barbu nach dem Unfall
von seiner Mutter abgeholt wird. Das Licht ist kalt, die Kamera unruhig,
distanziert, wie in den frühen Dogma-Filmen. Alle Gespräche, seien sie
persönlich oder geschäftlich, sind durchtränkt von Kalkül und Manipulation,
kein Satz, bei dem man sich nicht fragt, was Cornelia eigentlich bezweckt,
keine einzige unbedachte Geste. Nur einmal, ganz zum Schluss, meint man einen
Riss im Panzer zu sehen, vielleicht. Unter dem Eis allerdings brodelt es. Gier,
Gewalt, Zwangsverhalten, Angst vor Liebesentzug, Angst vor dem Verlust der
Kontrolle - Cornelia agiert wie ein Mafiaboss, der das Ende seines Imperiums
nahen sieht und mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen ankämpft.
Sie ist unsympathisch, manisch, beängstigend, gefährlich, verzweifelt – und
fantastisch facettenreich gespielt von Luminiþa Gheorghiu.“Mutter & Sohn“
gewann auf der diesjährigen Berlinale den „Goldenen Bären“.
"MUTTER & SOHN"
Land/Jahr: Rumänien 2013
Regie: Calin Peter Netzer
Drehbuch: Razvan Radulescu, Calin Peter Netzer
Darsteller: Bogdan Dumitrache, Vlad Ivanov, Luminiþa Gheorghiu, Mimi Branescu, Natasa Raab, Florin Zamfirescu
Laufzeit: 112 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
NEU in der Schauburg
"FREIER FALL"
Polizei, Armee, Fußball. Ein Terrain, auf dem man
über Homosexualität schweigt, will man nicht seine Karriere vorschnell beenden.
Mannsein heißt heterosexuell sein. So ist auch Marcs Leben gut eingerichtet. Er
hofft auf baldige Beförderung bei der Bereitschaftspolizei, der Nachwuchs ist
unterwegs, die Liebe zu seiner Frau unerschütterlich und die Doppelhaushälfte
von den Eltern vorfinanziert. Alles ist im grünen Bereich bis er bei einer
Fortbildung einen netten Kollegen kennenlernt und ihm näher kommt, sich Knall
auf Fall in ihn verliebt und bald nicht mehr weiß, was er wirklich will. Alles,
was ihm Sicherheit gab, bricht weg.
„Freier Fall“ ist junges, kraftvolles Kino aus Deutschland. Ohne zu werten oder
seine Figuren zu verurteilen, erzählt Stephan Lacant in seinem ersten Spielfilm
das Drama eines Mannes, der aus seiner überschaubaren Welt fällt. Die
fulminanten schauspielerischen Leistungen von Hanno Koffler, Max Riemelt und
Katharina Schüttler vermitteln auf emotionale Weise, was es heißt, wenn
Lebensentwürfe zu Bruch gehen und es keinen Weg mehr gibt, den Menschen, die
man liebt, gerecht zu werden. Regisseur Stephan Lacant über seinen Film: „Als
Co-Autor Karsten Dahlem und ich uns vor drei Jahren kennen lernten und er mir
von Mobbingfällen an homosexuellen Kollegen erzählte, die er während einer
Ausbildung einer Bereitschaftspolizei beobachtete, entschlossen wir uns, dieses
Thema gemeinsam in einem Film zu behandeln. Trotz nach außen hin sichtbarer Reformen ist die Polizei immer noch in maskulin dominierten, konservativen Strukturen verhaftet. Mich reizt an unserem Zugang zum Stoffbesonders, dass wir den erzählerischen Schwerpunkt anders gelagert haben, als
vielleicht zu erwarten wäre. Er liegt nicht auf der Liebe zweier Männer in
einem Umfeld, in dem schwul sein ein Tabu darstellt, sondern vielmehr auf Marcs
Zerrissenheit zwischen zwei unvereinbaren Polen: der Wucht der Vaterschaft und
eines frischen Familienglücks mit Bettina auf der einen und der Kraft der
aufkeimenden Liebe zu Kay auf der anderen Seite.“
Der Film belässt es nicht bei dem persönlichen Drama, sondern entlarvt die
Diskriminierung Homosexueller, die Homophobie als weit verbreitete Einstellung
einer offen und liberal scheinenden Gesellschaft. Da schleudert die Mutter
ihrem Sohn ins Gesicht, so habe sie ihn nicht erzogen, die starken Polizeitypen
belassen es nicht bei verbalen Tiefschlägen, sondern schlagen auch schon mal
zu. In der letzten Einstellung überholt Marc beim Lauftraining seine Kameraden,
lässt sie weit hinter sich. Ein Akt der Befreiung.
"FREIER FALL"
Land/Jahr: Deutschland 2013
Regie: Stephan Lacant
Darsteller: Hanno Koffler, Max Riemelt, Katharina Schüttler
Laufzeit: 100 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Großes Frühstückskino in der Schauburg
macht Sommerpause
Das große Kinofrühstück am Sonntag in der Schauburg macht Sommerpause bis Mitte September 2013.
|