Geplante Erstaufführungen in den nächsten Wochen:

voraussichtlich ab Donnerstag 19.1.
Manchester by the Sea
voraussichtlich ab Donnerstag 26.1.
Die feine Gesellschaft
Jackie
Kundschafter des Friedens
Die schönen Tage von Aranjuez
Suburra
voraussichtlich ab Donnerstag 9.2.
Noma

Voraussichtlich ab Donnerstag 19.1.

Manchester by the Sea

Drama um einen Mann, der nach dem plötzlichen Tod seines Bruders mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird. Filmische Trauerarbeit der subtilsten Form, schon jetzt als einer der Favoriten für die nächste Oscar-Verleihung gehandelt

Lee Chandler (Casey Affleck) lebt in Boston ein bewusst einsames Leben, arbeitet als Hausmeister und vermeidet so weit es geht soziale Kontakte. Als er erfährt, dass sein Bruder Joe (Kyle Chandler) plötzlich verstorben ist, kehrt Lee in die gemeinsame Heimatstadt Manchester at the Sea im ländlichen Massachusetts zurück. Eigentlich will er nur Joes Angelegenheiten regeln, doch im Testament wird er als Vormund von Joes 16jährigem Sohn Patrick (Lucas Hedges) bestimmt. Notgedrungen und zunächst widerwillig bleibt Joe somit zunächst in Manchester und versucht eine Lösung zu finden, doch die Erinnerung an ein furchtbares Ereignis aus seiner Vergangenheit belastet ihn schwer.

16 Jahre ist es inzwischen her, dass „You Can Count on Me“ in die Kinos kam, das Regiedebüt des damals schon 38jährigen Kenneth Lonergan. Anschließend dauerte es elf Jahre bis der Nachfolger „Margaret“ nach vielen Problemen veröffentlicht wurde und Lonergans Reputation als genauer, sensibler Beobachter bestätigte. Ein Geheimtipp blieb der aus New Yorker stammende Autor und Regisseur dennoch, was zwar bedauerlich ist, aber auch nicht überrascht. Denn Lonergans Filme sind in der zeitgenössischen amerikanischen Filmwelt eine Seltenheit, sind weder laute Blockbuster, noch typische Indiefilme, die ihre betont ungewöhnlichen Figuren zur Schau stellen, und auch klassische Oscar-Filme, die eine klare ideologische Botschaft vermitteln, sind sie nicht. Dass „Manchester by the Sea“ seit seiner Premiere beim Sundance Filmfestival 2016 dennoch als heißer Kandidat für die nächste Oscar-Verleihung gehandelt wird, darf man dem Film nicht vorwerfen. Es deutet vielmehr an, dass Lonergan seine typische subtile Erzählweise, die bisweilen ins enigmatische abdriftete, diesmal in den Dienst einer Erzählung stellt, die von universeller Qualität ist. Und in der mit Casey Affleck ein hochtalentierter Schauspieler im Zentrum steht, der hier so gut ist wie noch nie.

USA 2016
Regie & Buch: Kenneth Lonergan
Darsteller: Casey Affleck, Lucas Hedges, Kyle Chandler, Michelle Williams, Matthew Broderick, Gretchen Mol
135 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 26.1.

Die feine Gesellschaft

Eine schrullige Snob-Sippe mit Inzest-Problemen verbringt den Urlaub an der Küste. Dort lauert eine arme Fischerfamilie, die ihren Speisezettel mit ungewöhnlichen Methoden aufbessert. Monty Python-Fans dürften ihren Spaß haben. Böse. Böser. Bruno Dumot!

Anno 1910 verschwinden in einem kleinen Badeort an der französischen Kanal-Küste immer wieder Urlauber. Ein unglaublich dicker Inspektor und sein trotteliger Assistent stochern bei ihren Ermittlungen am Strand ziemlich im Dunkeln. Der Fettwanst purzelt die Dünen hinab. Sein Helfer stolpert hilflos hinterher. Beide ahnen nichts davon, dass die arme Muschelsammler-Sippe der Bruforts (ein Wortspiel: brute force = rohe Kraft) ihren bescheidenen Mittagstisch gerne mit unkonventionellen Methoden aufbessert. Ebenso wenig schwant der schwerreichen Familie Van Peteghem, welch’ garstiges Unheil ihnen in ihrer vornehmen Sommerfrische drohen könnte. Als deren burschikose Tochter Billie zum Flirtobjekt des grobschlächtigen Sohns des Brufort-Clans avanciert, entwickelt sich eine Romeo-und-Julia-Romanze der etwas anderen Art, Transgender-Kapriolen inklusive.

Er gehört in die kleine Riege radikaler Regisseure, die konsequent ihr Ding machen: Gleich mit seinem zweiten Streich „L’Humanité“ sorgte Bruno Dumont 1999 in Cannes für Kontroversen. In diesem Jahr erging es dem einstigen Philosophie-Dozenten und Werbefilmer ganz ähnlich. Die einen stöhnten über eine überbordende Farce, die zu abgefahren, überkandidelt und selbstgefällig daherkommt. Die anderen feierten eine bitterböse Gesellschaftskritik mit einem Füllhorn fantastisch absurder Ideen à la Monty Python. Polarisiertes Publikum - was will Filmkunst mehr? Dumot besetzt sein Figurenkarussell wie aus einer Geisterbahn: Das schrullige Oberhaupt der vermögenden Urlauber hat einen gewaltigen Buckel zu schleppen, kippt gern vom Stuhl und tut sich beim Reden reichlich schwer. Die exzentrische Tante (famos durchgeknallt: Juliette Binoche) fällt von einem hysterischen Anfall in den nächsten. Derweil die androgyne Tochter ihr ganz eigenes Versteckspiel zelebriert. Verwandtschaftliche Verhältnisse werden bei den Van Peteghems nicht ganz so genau genommen. Ob Cousin oder vielleicht Schwager, egal. Im Vergleich zu diesen inzestuösen Snobs scheint die derbe Familie der einheimischen Muschelsammler regelrecht normal - von ihren lukullischen Vorlieben einmal abgesehen.

Frankreich/Deutschland 2016
Regie und Drehbuch: Bruno Dumont
Darsteller: Fabrice Luchini, Juliette Binoche, Valeria Bruni Tedeschi, Jean-Luc Vincent, Brandon Lavieville, Didier Després, Cyril Rigaux, Laura Dupré
123 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 26.1.

Jackie

November 1963: In den Tagen nach der Ermordung John F. Kennedys steht das Leben der First Lady Kopf. Bravourös verleiht Oscarpreisträgerin Natalie Portman der kosmopolitischen Stilikone und beneideten High-Society-Lady ein menschliches Antlitz.

November 1963 im Weißen Haus. „Ich habe versucht, seinen Kopf zusammenzuhalten“, stammelt Jackie Kennedy, als sie sich erinnert, wie ihr Mann auf dem Weg ins Krankenhaus mit zertrümmertem Schädel in ihrem Schoss lag. Allein sitzt sie in der Nacht nach dem Attentat in Dallas in ihrem Schlafzimmer. Fast mechanisch rollt sie sich die blutverschmierten Nylonstrümpfe von den Füßen. In diesem Moment ist die schmale, grazile First Lady mit dem perfekten Haaren und makellosen Outfits, die einsamste Frau der Welt. Immer noch trägt sie ihr blutbeflecktes Chanel-Kostüm. „Sie sollen sehen was sie getan haben“, beharrt die vom Schmerz zerrissene Frau auf einer Prozession wie einst bei Abraham Lincolns Beerdigung. Die Staatsmänner sollen zu Fuß hinter dem Sarg hergehen, allen Sicherheitsbedenken zum Trotz. Im Oval Office erklärt sie dem empörten Sicherheitsbeamten Jack Valenti (Max Casella): „Und Mr. Valenti, würden Sie den Trauergästen bitte ausrichten, dass ich mit Jack zu Fuß gehen werde. Allein, wenn es nötig ist.“

Unter den Augen der Welt verwandelt sich Jackie bei ihrer Trauerarbeit zur großen, fast griechischen Tragödin. Unerschütterlich versucht sie, bis zum bitteren Ende, ein von Gewalt zerrissenes Amerika als zivilisierte, kultivierte Nation in die Geschichte einzuschreiben. Die Bilder, als JFKs Witwe und Mutter der gemeinsamen Kinder, werden zu Ikonen. Natalie Portman verausgabt sich in dieser Rolle. Sie weint, zittert, tröstet ihre beiden Kinder, versucht, Haltung zu bewahren, fragil und stark zugleich. Die 35jährige sieht Jacqueline Bouvier Kennedy nicht nur verblüffend ähnlich. Die Oscarpreisträgerin überzeugt vor allem durch ihre schauspielerische Leistung. Berührend schafft sie es dieser legendären Figur Lebendigkeit zu verleihen. Gleichzeitig zeigt sie wie sehr die facettenreiche Kultfigur, allen Boulevardklischees zum Trotz, gegen das konventionelle Frauenbild ihrer Zeit ankämpft. Das wahrhaft intensive, collagenartige Drama des chilenischen Regisseurs Larraín ist auch für den Zuschauer eine emotionale Tour de force zwischen Fassungslosigkeit, Trauer, Wut und Kampf um die Kontrolle im absoluten Ausnahmezustand. Die Rahmenhandlung seines vielschichtigen Porträts bildet ein Interview, das die Witwe auf dem Landsitz in Hyannis Port dem Life-Magazin-Journalisten Theodore H. White (Bily Crudup) kurz nach dem Auszug aus dem Weißen Haus gibt. Rückblenden zeigen die Szenen um die schrecklichen Ereignisse in der düstersten Zeit ihres Lebens.

USA 2016
Regie: Pablo Larraín
Drehbuch: Noah Oppenheim
Darsteller: Natalie Portman, Peter Saarsgard, Greta Gerwig, John Hurt
100 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 26.1.

Kundschafter des Friedens

Ein früherer ostdeutscher Top-Spion wird aus dem Ruhestand geholt, um mit seinem nicht mehr ganz taufrischen Ex-Team einen entführten BND-Mitarbeiter aufzuspüren. Selbstironischer, ungezwungener Unterhaltungsfilm mit einem ideal besetzten Hauptdarsteller. Ein herzhaftes Vergnügen!

Für Jochen Falk (Henry Hübchen) ist die Überraschung groß, als eines Tages der BND auf der Matte steht. Falk, Pensionär im verdienten Ruhestand, war früher nämlich Top-Spion der DDR. Bis er 1985 von BND-Mitarbeiter Frank Kern (Jürgen Prochnow) enttarnt wurde. Der aber wurde nun mit dem künftigen Präsidenten von Katschekistan entführt. Das ist auch der Grund, wieso der BND nun Falks Hilfe braucht: er kennt sich in der Region gut aus und soll helfen, die Geiseln zu befreien. Falk stellt die Bedingung, dass er für die Aktion sein altes Team reaktivieren darf. Gesagt, getan. Gemeinsam mit Techniker Jacky (Michael Gwisdek), Organisator Locke (Thomas Thieme) und Frauenheld Harry (Winfried Glatzeder) macht er sich auf den Weg nach Katschekistan. Ihnen zur Seite steht BND-Analytikerin Paula, die die gestandenen Herren im Auge behalten und für Ordnung sorgen soll.

Nimmt man die ungezwungene Komödie mit seinen (bewusst eingebauten) historischen Ungenauigkeiten nicht allzu ernst, erlebt man 90 vergnügliche, kurzweilige Minuten. Das liegt auch daran, da „Kundschafter des Friedens“ genüsslich mit Agentenfilm-Klischees und -Stereotypen spielt und diese mit viel Freude aufs Korn nimmt: von skurrilen Abhörmethoden aller Art (Stichwort: Aschenbecher) bis hin zum Macho-Gehabe in die Jahre gekommener Top-Spione (Frauenheld Harry). Gelungen ist auch, mit wie viel Sprachwitz und Situationskomik hier die modernen, top ausgestatteten BND-Agenten auf die früheren Spione aus dem Arbeiter- und Bauernstaat treffen. So bestehen die „analog“ agierenden Rentner z.B. immer wieder darauf, ohne technischen Firlefanz und nach der eigenen, bewährten Machart zu agieren. Dabei kommt es oft zu witzigen Zwischenfällen und humorvollen Situationen, wenn die antiquierten Spionage-Methoden (DDR) auf die zeitgemäßen, westlichen Techniken (BRD) treffen. Überzeugend ist zudem die Besetzung. Hier ist in erster Linie Henry Hübchen als originalgetreue, griesgrämige Berliner Schnauze Jochen Falk zu nennen. Falk trauert seinen glorreichen Tagen als gefeierter Geheimdienstler nach, erweist sich trotz seines hohen Alters aber immer noch als gewiefter Fuchs, der das Ein-mal-Eins eines erfolgreichen (Ost-) Agenten beherrscht. Hübchen ist für diese Rolle eine Idealbesetzung.

Deutschland 2016
Regie: Robert Thalheim
Drehbuch: Robert Thalheim, Oliver Ziegenbalg
Darsteller: Henry Hübchen, Michael Gwisdek, Antje Traue, Thomas Thieme, Winfried Glatzeder, Jürgen Prochnow
90 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 26.1.

Die schönen Tage von Aranjuez

Regie-Altmeister Wim Wenders adaptiert Peter Handkes 2012 veröffentlichtes Theaterstück, in dem sich ein Mann und eine Frau über das Leben und die Liebe unterhalten

Seit langem hat Wim Wenders seiner Heimat zumindest filmisch den Rücken gekehrt, dreht nur noch sporadisch in Deutschland, wo zumindest seine Spielfilme, ohnehin seit Jahren konsequent, manchmal hat man auch das Gefühl reflexartig verrissen, um nicht zu sagen verlacht werden. Was Schade ist, denn mit ihrem Hang zum Pathos mag Wenders zwar nicht mehr in unsere oft zynische Welt passen, doch gerade der Mut zu großen Emotionen macht seine Filme immer noch so besonders und ungewöhnlich was auch für „Die schönen Tage von Aranjuez“ gilt. Der Film basiert auf einem kurzen Einakter seines langjährigen Freundes und gelegentlichen Mitstreiters Peter Handke, mit dem er „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ und vor allem „Himmel über Berlin“ drehte. Von Handlung kann kaum die Rede sein, es geht um eine Frau (Sophie Semin) und einen Mann (Reda Kateb), die im Garten eines Haus in den Hügeln unweit von Paris sitzen und reden. Über das Leben und die Liebe, die Dinge des Lebens also, die im (französischen) Kino immer wieder umkreist wurden und sich auch wie Leitlinien durch das Werk von Wenders und besonders Handke ziehen.

Sind im Stück - das Handke für seine Lebensgefährtin Semin schrieb - nur das Paar, das vielleicht keins mehr ist oder nie eins war, zu sehen, erfindet Wenders für seine filmische Adaption einen Autor (Jens Harzer), der in der Villa des Gartens am Tisch sitzt, an der Schreibmaschine und nach Inspiration sucht. Ob das Paar im Garten nun real ist oder nur seiner Imagination entsprungen ist bleibt offen, unverkennbar ist der Autor jedoch als Alter Ego Handkes gedacht. Hat man den vor wenigen Wochen im Kino zu sehenden Dokumentarfilm „Peter Handke - Bin im Wald. Kann sein, das ich mich verspäte“ gesehen, werden diese autobiographischen Bezüge noch deutlicher: Unverkennbar sind die schweren Boots, die sowohl der Autor im Film, als auch Handke in der Dokumentation trägt, und auch das Haus unweit Paris, mit ausschweifendem, im Film betont paradiesisch wirkenden Garten, ähnelt dem Anwesen, das Handke seit Jahren bewohnt. Ganz Wenders sind dagegen die punktierenden Musikstücke, deren Texte wie oft bei Wenders sehr direkt das Geschehen auf der Leinwand kommentieren und doppeln, von Lou Reeds „Perfect Day“ bis zu Nick Caves „Into your Arms“.

Frankreich, Deutschland, Portugal 2016
Regie: Wim Wenders
Drehbuch: Wim Wenders nach dem Theaterstück von Peter Handke
Darsteller: Reda Kateb, Sophie Semin, Jens Harzer, Nick Cave, Peter Handke
Laufzeit: 97 Minuten
ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 26.1.

Suburra

Politik, Sex, Mafia, Drogen, Gewalt. Das sind die Zutaten von Stefano Sollimas wuchtigem Sittengemälde. Ein zutiefst unangenehmer, oft abstoßender Film, was in diesem Fall als großes Kompliment zu verstehen ist.

Am Anfang steht der Amtsverzicht des Papstes, der vorgeblich höchsten moralischen Instanz der Ewigen Stadt, doch die Kirche ist ebenso in das schmutzige Geflecht von Macht und Geld verquickt, wie alle anderen Teile der Gesellschaft auch. Während der Papst also mit sich ringt, bestellt sich der hochrangige Politiker Filippo Malgradi zwei Prostituierte ins Hotel, raucht mit ihnen Crack und schert sich wenig darum, dass eine der Beiden, auch noch eine Minderjährige, nach dem Exzess tot zurückbleibt. Die Andere, Sabrina, soll ihre junge Kollegin „entsorgen“ und ruft dafür einen Freund zu Hilfe. Der ist Teil eines kriminellen Zigeuner-Clans, der vom skrupellosen Anacleti angeführt wird. Bald ist der Helfer tot, ermordet durch den jähzornigen Mafiosi Aureliano, der wegen seiner auf den rasierten Kopf tätowierten schwarzen Billardkugel nur Nr. 8 genannt wird. Bevor der Konflikt zwischen den Familien eskalieren kann, versucht der Mafia-Pate Roms, ein unauffälliger Mann genannt „Der Samurai“ die Wogen zu glätten, denn offene Gewalt schadet dem Geschäft. Und gerade ist ein besonders lukrativer Deal in der Mache...

So wie sich das deutsche Kino immer wieder mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzt, so thematisiert das italienische immer wieder die Machenschaften von Mafia und Politik, entlarvt Korruption bis in die höchsten Spähren der Gesellschaft, zeigt verrohte, skrupellose Machtmenschen, doch ebenso regelmäßig verschallen die Anklagen. So wie einst die Filme von Francesco Rosi, etwa „Hände über der Stadt“ oder „Der Fall Mattei“, oder „Il Divo“ von Paolo Sorrentino, basiert auch der von Stefano Sollima inszenierte „Suburra“ auf wahren Ereignissen. Die das Duo Carlo Bonini und Giancarlo De Cataldo - der eine Richter, der andere Journalist - in einen Tatsachenroman verwandelt haben, der offenbar vage genug geblieben ist, um das Leben der Autoren nicht nachhaltig zu gefährden. Doch auch wenn manche Figuren und Situationen in dieser Form fiktiv sind, lässt der mit der Darstellung der Mafia erfahrene Sollima nie den Verdacht aufkommen, dass dies eine im Kern wahre Geschichte ist, die in ihrem Exzess wohl nur wenig überzogen ist. Die Authentizität, die dieser ausufernde Reigen an Gewalt, Sex und Korruption ausstrahlt, ist um so verblüffender als Sollima vom ersten Moment an einen pathetischen, exaltierten Stil wählt, die flirrenden Bilder mit wummernden Elektroklängen unterlegt, seine Figuren als verlorene Gestalten in einer unmoralischen Welt inszeniert, aber dennoch keinen Zweifel daran lässt, dass sie diesen Weg selbst gewählt haben.

Italien 2015
Regie: Stefano Sollima
Buch: Carlo Bonini, Giancarlo De Cataldo, Sandro Petraglia, Sandro Rulli, nach dem Roman von Carlo Bonini und Giancarlo De Cataldo
Darsteller: Pierfrancesco Favino, Elio Germano, Claudio Amendola, Alessandro Borghi, Greta Scarano
130 Minuten
ab 16 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 9.2.

Noma

NOMA ist eine Reise durch das einzigartige kulinarische Universum von René Redzepi, dessen Kopenhagener Restaurant Noma in den letzten sechs Jahren vier Mal zum besten der Welt gekürt wurde.
Wenn wir Kochen als Sprache verstehen und die Zutaten eines Gerichts als die Worte, die sie formen, dann ist René Redzepi einer ihrer größten Poeten. In Mazedonien geboren und als kleiner Junge mit seiner Familie nach Dänemark gekommen, hat er in den letzten Jahren nichts geringeres geschafft als die gastronomische Welt zu revolutionieren. Mit seinem Konzept von „Zeit und Ort“ – „Zeit“ im Verständnis von Jahreszeiten, die die jeweiligen saisonalen Produkte seiner Küche liefern; und „Ort“ mit Blick auf regionale Zutaten aus dem nordischen Raum – hat er eine neue nordische Küche ins Leben gerufen, die heute international gefeiert wird und für die Menschen aus der ganzen Welt nach Kopenhagen reisen. Von Seeigeln aus den Gewässern vor der Nordküste Norwegens über fermentierte Stachelbeeren bis hin zu Moosen, Flechten und von Birken gezapftem Wasser ist René Redzepi unentwegt auf der Suche nach neuen Produkten und Wegen, um die natürliche Vielfalt ihrer Region auf köstlichste und ungewöhnlichste Weise auf den Tisch zu bringen. So hat er, der Einwanderersohn, der anfangs für seine Ideen verspottet wurde, dem „Norden“ eine neue kulinarische Identität verschafft.
Für seinen Dokumentarfilm NOMA hat Regisseur Pierre Deschamps René Redzepi drei Jahre lang auf seinem Weg begleitet, von der dritten Auszeichnung zum besten Restaurant der Welt im Jahr 2012 über einen Rückschlag, der das Noma 2013 schwer erschütterte, bis hin zurück an die gastronomische Weltspitze im Jahr 2014. Dabei lässt er berufliche Wegbegleiter wie Spitzenkoch Ferran Adrià und Noma-Mitgründer Claus Meyer genauso zu Wort kommen wie die Mitglieder des Noma-Teams und die Zulieferer, die die Küche Redzepis mit ihren einzigartigen Produkten bereichern. Gleichzeitig wirft Deschamps einen privaten Blick auf René Redzepi, führt Gespräche mit seinen Eltern und zeigt ihn im Kreise seiner Familie.
So zeichnet Deschamps das Portrait eines Küchenchefs, der sich auf der Suche nach neuen Aromen und Zubereitungsformenständig neu erfindet, der sein Team akribisch führt und mit ungewöhnlichen Mitteln motiviert und der auf dem Höhepunkt seines Erfolgs die für Restaurants seiner Klasse üblichen Prämissen über Bord wirft und alles wieder auf Anfang setzt. Und er zeigt den Menschen René Redzepi, der sich mit seiner sympathischen Art, mit seiner Leidenschaft, seiner Kreativität und seinem genialen Talent gegen alle Widerstände durchgesetzt und sich aus dem Nichts an die Weltspitze gekocht hat.
So ist NOMA ein Film für all diejenigen, die gute Küche schätzen, genau wie für jene, die bereit sind, sich von der faszinierenden Persönlichkeit René Redzepis anstecken und begeistern zu lassen.

Großbritannien 2015
Regie: Pierre Deschamps
Darsteller: René Redzepi, Claus Meyer, Ferran Adriá, Paul Cunningham, Andrea Petrini, Hanne Redzepi, Ali Rami Redzepi
99 Minuten