Corpus Christi

Das polnische Kino ist traditionell gut für rigorose Arthaus-Filme. Nach Polanski, Kieślowski oder „Ida“ Oscar-Preisträger Pawlikowski, präsentiert sich nun Jan Komasa, 38, als hochkarätiges Regie-Talent – auch er bereits auf Oscar-Kurs!

„Du kommst aus dem Gefängnis frei“ heißt es für den 20-jährigen Gewaltverbrecher Daniel, weil er sich in der Tischlerei und als Messdiener in der Knast-Kirche gut geführt hat. Auf Bewährung soll er nun in einem Sägewerk in der Provinz anheuern. Eigentlich würde David, mittlerweile sehr religiös geworden, gerne Priester werden. Mit diesem Vorstrafenregister gibt es bei der Kurie jedoch keine Chance auf Vergebung. Wie es das Schicksal will, stolpert der junge Held auf dem Weg zum ungeliebten neuen Job in eine Kirche. Mit seinem Pfarrerkragen, eigentlich nur ein Spaß-Kostüm, gibt er sich spontan als Priester aus. Keiner hegt Zweifel. Für den örtlichen Pfarrer ist David ein Gottesgeschenk, sucht er doch aus Gesundheitsgründen händeringend eine Vertretung. So kommt der junge Hochstapler problemlos in Amt und Würden. Die erste Bewährungsprobe im Beichtstuhl absolviert er problemlos, die passende App im Handy kennt schließlich die richtigen Antworten auf alle Sorgen. Jene besorgte Mutter, die ihr rauchendes Kind geschlagen hat, verblüfft der junge Gottesmann mit einem unkonventionellen Rat: „Kauf ihm stärkere Zigaretten!“.

Bei den Einheimischen verfliegt die anfängliche Begeisterung für den jungen Priester zunehmend, denn anders als sein Vorgänger kümmert er sich um jene Witwe, die im Dorf als Hure verschrien ist und heftig gemobbt wird.

Mit seinem erst dritten Spielfilm präsentiert sich Jan Komasa als eindrucksvolles Regie-Talent, dessen Stilsicherheit überzeugt. Mit dramaturgischem Minimalismus und maximaler psychologischer Präzision entwickelt sich diese schlichte Story (nach einer wahren Begebenheit!) zum vielschichtigen Drama über existenzielle Fragen von Macht, Moral und Vergebung. Statt der gängigen Saulus-wird-zum-Paulus-Geschichte, hat dieser bekehrte Held durchaus Ecken und Kanten. Bei Prügelorgien im Knast steht er schon mal Schmiere, gibt im Bus den rauchenden Rabauken. Im Pfarrhaus greift er gern zum Schnaps, tanzt Techno und auch Damenbesuch bleibt über Nacht. Im Kern freilich hat David das Herz am rechten Fleck, zeigt ein kompromissloses Gerechtigkeitsgefühl und lässt sich beim aufrechten Gang nicht aufhalten.

Polen 2019
Regie: Jan Komasa
Darsteller: Bartosz Bielenia, Aleksandra Konieczna, Eliza Rycembel
116 Minuten

Spielzeiten:

Dienstag 29.09.20:21.15 Uhr

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Trailer CORPUS CHRISTI