Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein


Um den Demütigungen seines Vaters zu entkommen, flüchtet sich der 12jährige Paul in eine Welt, in der das Merkwürdige und Seltsame zelebriert wird. Der Film zelebriert es auch und ist trotz Überlänge keine Sekunde langweilig.

Ende der 1950er Jahre in Wien: Zu seinem Vater Roman Silberstein (Karl Markovics) hat der zwölfjährige Paul (Valentin Hagg) keine besonders gute Beziehung. Der Mann, der während des Krieges ins Exil gehen musste, vom Judentum zu Katholizismus konvertiert ist, und vermögend in die Heimat zurückkehrte, ist kalt und unnahbar. Jemand, der mit sich selbst nicht im Reinen ist. Ganz anders als der kleine Paul, der gerne als merkwürdig oder seltsam beschrieben wird, aber Wege findet, sich der strengen Hierarchie zuhause oder im Internat zu entziehen. Indem er ein junges Fräulein verehrt, das er nie getroffen hat und dennoch liebt, indem er das Anderssein zelebriert und zum „funkelnden Hundling“ wird – auch wenn er noch ein Leben lang brauchen wird, um herauszufinden, was das alles beinhaltet.

Es ist ein ungewöhnlicher Film, den Rupert Henning hier präsentiert. Einer, der auf André Hellers Buch basiert, aber dennoch eigene Wege geht, weil er mit dem Medium des bewegten Bilds noch weit mehr Möglichkeiten hat, den Zuschauer in die traumhafte Welt der Hauptfigur zu entführen. Er nutzt literarische Kniffe, indem er den Zuschauer an den Gedanken des kleinen Pauls teilhaben lässt, die Visualisierung ist es aber, die ihresgleichen sucht. Weil Henning hier ein Terrain betritt, das das deutschsprachige Kino nur selten beschreitet: Ein surreales Sammelsurium, das mit seinem Hang zum Skurrilen immer wieder die Lachmuskeln anregt. Aber „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ ist nicht nur ein Film, der wirkt, als hätten Tim Burton und Luchino Visconti ein Kind der Liebe gezeugt, sondern auch ein in ernsten Momenten schwelgendes Familiendrama, in dem es um das Erwachsenwerden eines Jungen geht. Dieser Film, der mit knapp zweieinhalb Stunden Laufzeit daherkommt, ist ein echtes Juwel, das dem Außenseitertum mit seiner prickelnden Kinomagie ein Denkmal setzt, zugleich aber auch ein in den richtigen Momenten stilles Drama über den Konflikt der Kriegs- mit der Nachkriegsgeneration ist.

Österreich 2018
Regie: Rupert Henning
Buch: Rupert Henning, Uli Brée
Darsteller: Valentin Hagg, Karl Markovics, Sabine Timoteo
140 Minuten
ab 12 Jahren

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