Tiger Girl

Ein frischer Wind namens Impro-Film weht seit einiger Zeit durch das deutsche Kino. Wilde 90 Minuten lang schickt Jakob Lass seine beiden Protagonistinnen durch Berlin, voller Tatendrang und Aggression.

Sie könnten nicht unterschiedlicher sein: Margarete (Maria Dragus), die bei der Polizei durchgefallen ist und nun eine Ausbildung bei einem Sicherheitsdienst macht, und Tiger (Ella Rumpf), ein wilder, ungezügelter Freigeist, die in einem Wohnwagen lebt oder mit ihren Freunden auf einem Dachboden Drogen nimmt und keine Hemmungen zu haben scheint. Margarete dagegen ist unsicher, zurückhaltend, ein echtes Mauerblümchen und zunächst mehr als irritiert, als Tiger sie vor der Anmache eines Typen rettet. Sich einfach so in fremde Angelegenheiten einzumischen, nicht groß zu denken, sondern zu machen, das kennt Margarete nicht, schon gar nicht von sich selbst. Anfangs skeptisch, ist sie zunehmend fasziniert von Tiger, die so lebt, wie es Margarete noch nicht einmal zu träumen wagte. Gemeinsam zieht das Duo bald durch die Nacht und die Clubs, Margarete wird auf den neuen Namen Vanilla getauft, doch so rein bleibt sie nicht lange: Immer aggressiver wird sie, erscheint ihre äußerliche Unschuld wie ein Vermächtnis aus einer anderen Zeit. Als Vanilla auch noch anfängt, wildfremde Menschen völlig ohne Grund zu verprügeln, wird es selbst Tiger zu bunt.

Neben Axel Ranisch, dem inzwischen sogar die Regie bei der deutschen Institution Tatort übertragen wurde, ist Jakob Lass der etablierteste einer Riege junger deutscher Regisseure, die seit einigen Jahren für Furore sorgen. Impro-Film heißt das Zauberwort, also Drehen ohne ein festes Drehbuch, am besten in chronologischer Reihenfolge, oft mit Laiendarstellern, die Variationen ihrer Selbst verkörpern. Was für die trägen Strukturen der deutschen Filmförderung ein Graus ist, bringt frischen Wind ins Kino. Die Qualitäten des Impro-Films werden auch in „Tiger Girl“ schnell deutlich: Gerade die Neuentdeckung Ella Rumpf spielt mit kaum zu glaubender Wucht, hat ein Funkeln in den Augen, das ungezügelt, wild und aufregend lodert. Immer wieder entstehen dadurch packende Szenen, Momentaufnahmen des Lebens, roh und authentisch. Wie es mittelfristig mit dem deutschen Impro-Film weitergehen wird, muss sich zeigen, das Unkontrollierte, Ungezähmte, dass diese Regisseure etwa vom extrem Stilisierten der so genannten Berliner Schule unterscheidet, ist jedoch ein Aspekt, der dem deutschen Film gut zu Gesicht steht.

Deutschland 2016
Regie: Jakob Lass
Darsteller: Ella Rumpf, Maria Dragus, Enno Trebs
90 Minuten
ab 16 Jahren

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