Toni Erdmann

Der Musiklehrer Winfried besucht spontan seine Tochter Ines. So weit – so gut. Doch Ines lebt und arbeitet in Rumänien als Unternehmensberaterin, und Winfried ist zwar erfreulich spontan für sein Alter, aber auch nicht mehr ganz fit und gerade ziemlich unglücklich, denn sein alter Hund ist gestorben. Vor allem aber ist Winfried ein großer Freund launiger Scherze und Streiche, mit denen er gern mal die Reaktionen seiner Umwelt testet. Das weiß die Tochter natürlich, auch wenn sie sonst mit ihrem Vater ziemlich wenig am Hut hat. Der Kontakt ist alles andere als innig, Ines erfüllt ihre töchterlichen Verpflichtungen, aber mehr war bis jetzt nicht drin. In Bukarest angekommen, wird Winfried von Ines erstmal zu ihren Terminen und Empfängen mitgeschleift. Kein guter Start, und es kommt noch schlimmer, denn Winfried kann sich weder seine Witze verkneifen noch die Kritik an Ines‘ Lebensstil. Er verabschiedet sich von seiner Tochter, aber der Abschied ist keinesfalls endgültig, denn Winfried kehrt zurück, und zwar als Toni Erdmann, sein Alter Ego mit schrecklicher schwarzer Wuschelperücke und schiefen Zähnen. Und dieser Toni Erdmann schafft, was Winfried nicht geschafft hat: Er findet einen Weg zu Ines.

Maren Ade baut mit diesem perfekten Duo Peter Simonischek und Sandra Hüller, die gemeinsam und dennoch jeder für sich zu einem merkwürdigen Pas de deux antreten, eine unglaublich intensive Bindung auf. Sie zeigt eine Vater-Tochter-Beziehung, die gleichzeitig ein Abgesang aufs 20. Jahrhundert ist und die Beschreibung einer neuen Zeit. Das macht Maren Ade ohne Wehmut und Anklage. Sie stellt fest, sie seziert wie ein besonders präziser Chirurg die Beziehungsgeflechte zwischen Vater und Tochter und richtet das Ergebnis dann mit viel liebenswertem Charme und wissendem Humor so an, dass alle Beteiligten ernst genommen werden und ihre Geheimnisse behalten. Es wird wenig erklärt, obwohl Maren Ade sich sehr viel Zeit lässt, um Spannung aufzubauen und ihre Geschichte zu entwickeln. Das erfordert Mut und eine ungeheure Souveränität, denn 162 Minuten Familiendrama sind eine echte Herausforderung, auch wenn es viel zu sehen, zu lachen und zu schmunzeln gibt. Maren Ade beweist, dass sich der Mut lohnt, und vielleicht hat sie mit Toni Erdmann nicht nur eine unsterbliche Filmfigur geschaffen, sondern auch einen Film, der sich weit jenseits aller Verflachungstendenzen gegen den Mainstream behaupten könnte. Das wäre nicht nur wünschenswert, sondern auch sehr, sehr schön.

Deutschland, Österreich 2016
Regie: Maren Ade
Darsteller: Sandra Hüller, Peter Simonischek, Michael Wittenborn
162 Minuten
ab 12 Jahren

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